Köstlichkeiten von Schorsch
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von Gertrude Moser-Wagner
VICE VERSA 2002
Im Prinzip ist der Blick auf einen begrenzten Stadtraum wie der Blick auf ein Dorf. In der Stadt aber vermischt sich vieles. Kultur als eine Abstammung von Familienclans – Reste des Kollektiven also, mit all ihren Zuschreibungen und Vorurteilen greifen nicht wie in einem Dorf und eine Anonymität ist gewährleistet. Die andere Seite der Stadt ist die oft ungewollte Vereinzelung.
Nach einigen Projekten im Ausland („Kraków-Krakau“ 1997, „Black Neutral Objects“, Durham/Ontario, 2000) und den erwähnten zwei Projekten beim Festival der Regionen, kehrte mein Interesse wieder in Wien ein, in der Praterstraße 42, wo wir VICE VERSA 2002 formulierten und durchführten.
Beverly Piersol und ich beschäftigten uns mit der Geschichte der Praterstraße, ehemals als „Jägerzeile“ Ort von Kultur, Musik, Theater. Das ehemalige Organisationsbüro der Weltausstellung 1873 wurde von uns erstmals wieder verwendet und als „Büro für Weltausstellung“ adaptiert. Seither ist in diesem Raum eine Theatergruppe und Teile der IG Kultur angesiedelt, mit gelegentlichen Veranstaltungen.
Das Projekt ZEILE ging damals in wörtlicher Hinsicht von der Jägerzeile aus, wir erbaten einige geschriebene Zeilen von Mitwirkenden und PassantInnen, die sich auf den Ort und die Umgebung bezogen: Wie geht es Ihnen in Wien?, Was haben Sie hier erlebt?, Wo war das? So stand es auf gedruckten Plakaten mit der Skizze des Czerninviertels. In der von uns restaurierten Durchgangsvitrine (der Passage durch zwei Häuser zur Czerningasse) bauten wir allmählich eine Installation mit Plakaten auf, die uns in den vorbereiteten Glasschlitz einer solchen Vitrine eingeworfen worden waren. Ein benachbartes italienisches Restaurant hatte unsere Plakate als funktionelle Tischsets weitergedruckt, was ZEILE zusätzlich numerisch bereicherte. Unser nachhaltiger Kontakt dabei war ein pensionierter Wissenschaftler, Herr Dr. Müller, der nicht die vorgesehenen Zeilen des Plakats händisch ausfüllte sondern uns sein über zehnseitiges Protokoll einer Kindheit um1945 in Wien zukommen ließ. Wir lasen darin seine Erinnerungen und Wahrnehmungen von Ereignissen, ganz in der Nähe, als die Bomben zu Kriegsende fielen. Er selbst, der nicht mehr in Wien lebt, streift noch oft durch sein ehemaliges Viertel.
Zukünftige Projekte möchte ich nun wieder mehr im europäischen und nicht-europäischen Ausland weiterführen, obwohl es organisatorisch dort immer schwierig ist und der Raum für Missverständnisse weit ist und viel Geduld benötigt wird. In einer Welt des kulturellen Austauschs (insbesondere habe ich dabei den europäischen Osten im Fokus) kann eine solche Aufgabe lohnend und inspirierend sein. Durch das physische oder poetische Hindurchgehen durch Situationen hebt sich in meinen Augen ein ganz anderes Bild einer Stadt, eines Menschen, einer Kultur oder einer politischen und gesellschaftlichen Situation ab. Die Medien, das Internet, die Berichte können dabei zwar informativ und hilfreich sein, doch treffen sie kaum jenen mehrdimensionalen Fokus, von dem ich meine, dass ihn die Kunst berühren könnte. Ihre Tendenz ist Vertiefung und ein Sich Einlassen Wollen. Manchmal im Widerspruch mit der Nützlichkeitsideologie, die heute gefordert und gefördert wird.
Gertrude Moser-Wagner, Mai 2007
Gertrude Moser-Wagner
Bildhauerin,Projektkünstlerin, geboren in der Steiermark, lebt in Wien (Diplom 1981 bei Bruno Gironcoli). 1982-1993 Lehrbeauftragte an den Kunstuniversitäten Akademie und Angewandte in Wien, derzeit an der Webster University Vienna.. Seit ihrem Lecksteinprojekt (Wien 1985, Text Reinhard Priessnitz) arbeitet sie aus einem konzeptuellen Impetus heraus, der forschend interveniert. Es werden sinnlich-ästhetische aber auch dialogfähige und zeitkritische Ergebnisse erzeugt, die sie als ihre Bildhauerei behauptet. Ihr Werk ist interdisziplinär ausgerichtet und bietet Andockstellen, es sind Arbeiten im öffentlichen Raum genauso wie Ausstellungen in Kunsträumen. Oft Kommunikationsprojekte, Forschungsanlässe, Transpositionen und poetische Interventionen im urbanen Raum oder in der Landschaft. Dabei geht es um ausgewählte Orte, Dörfer, Städte, Zonen, Straßen, Strecken. Sie arbeitet auch als Künstlerkuratorin, aus Interesse am Thema Skulptur, Prozess, Handlung, Raum, Kollektiv, Osmose - und als Reisekünstlerin, derzeitiger Fokus Osteuropa und Südostasien.
1980-1990: Konzeptuelle Untersuchungen und erste Videos, Installationen.
1990-2000 Ausstellungen in Museen, Kunsträumen - erweiterte Skulptur und Minusformate.
Seit 2000 zunehmend Projektkunst, öffentlicher Raum, Recherche, Poetische Intervention, Serendipity.
Ausstellungen und Projekte: http://www.moser-wagner.com
17.05.2007, 20:28
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